- Industriegeschichte als Blick auf den Wandel der Region
- Köln: Gummi und Kabel
- Düsseldorf und Meerbusch: Stahl und Waschmittel
- Bonn-Beuel und Ramersdorf: Zement, Brot und Jute
- Beim Entdecken auf Gebäude und Nutzung achten
Monheim am Rhein liegt zwischen Köln und Düsseldorf. Wer von hier aus die Region erkundet, begegnet nicht nur Rheinlandschaften und Altstädten, sondern auch den Spuren früherer Fabrikarbeit. Sieben Beispiele aus Köln, Düsseldorf und Bonn zeigen, wie unterschiedlich ehemalige Produktionsorte heute genutzt werden – und woran sich ihre Geschichte noch erkennen lässt.
Industriegeschichte als Blick auf den Wandel der Region
Der Rhein war lange eine wichtige Transportader. Schiffe brachten Rohstoffe wie Kohle, Erz und Holz in die Städte; fertige Waren konnten von dort weiterreisen. Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert entstanden große Fabriken, und vielerorts richteten sich Arbeit und Alltag nach Schichtwechseln und Eisenbahnfahrplänen.
Die industrielle Entwicklung brachte Arbeitsplätze und wirtschaftlichen Wohlstand. Sie bedeutete für viele Beschäftigte aber auch körperlich schwere Arbeit, lange Arbeitszeiten, Unfallrisiken und belastete Luft. Wenn heute Wohnungen, Büros oder Kulturangebote in alten Fabrikgebäuden Platz finden, bleibt deshalb mehr als eine markante Fassade: Die Orte erzählen auch von Arbeit und vom Leben rund um die Betriebe.
Für einen Ausflug aus Monheim lohnt sich der vergleichende Blick: An manchen Standorten sind Hallen und Fassaden erhalten, an anderen prägen nur einzelne Gebäude das neue Quartier. Die Beispiele liegen in Köln, Düsseldorf, Meerbusch und Bonn – nicht in Monheim selbst.
Köln: Gummi und Kabel
Clouth-Quartier: Fabrikspuren zwischen neuer Nutzung
Die Rheinische Gummiwarenfabrik Franz Clouth nahm 1868 in Köln-Nippes den Betrieb auf. Sie produzierte unter anderem Förderbänder und technische Gummiwaren und prägte den Stadtteil über mehr als ein Jahrhundert. Während des Zweiten Weltkriegs wurde ein großer Teil des Werks zerstört. Nach Kriegsende lief die Produktion wieder an; 1962 beschäftigte das Unternehmen mehr als 2.200 Menschen.
Die Gummiwarenproduktion endete 1992. Mit dem Ende der Förderbandfertigung im Dezember 2005 wurde auch die industrielle Produktion am Standort eingestellt. Auf dem rund 14,5 Hektar großen Gelände entstand das Clouth-Quartier mit Wohnungen, Büros, Bildungseinrichtungen und Gastronomie. Es bietet Wohnraum für ungefähr 3.000 Menschen.
Ein sichtbarer Hinweis auf die frühere Nutzung ist die ehemalige Halle 17. Backsteinfassade und Stahlkonstruktion wurden in einen modernen Wohn- und Gewerbekomplex integriert. Ein historischer Pfad mit 14 Stationen dokumentiert seit 2023 die Vergangenheit des Geländes.
Carlswerk: Kabel für Infrastruktur und Kultur
In Köln-Mülheim eröffnete Felten & Guilleaume 1874 einen großen Produktionsstandort für Draht und Kabel. Die Erzeugnisse wurden auch für bedeutende Infrastrukturprojekte verwendet: 1904 war das Carlswerk an der Herstellung eines frühen transatlantischen Telefonkabels beteiligt. Auch die Tragseile der Mülheimer und der Rodenkirchener Brücke stammten aus der Produktion. Zeitweise arbeiteten in der Draht- und Kabelfertigung bis zu 18.000 Menschen.
Heute gibt es auf dem Gelände Arbeitsplätze, Veranstaltungsräume, Gastronomie und Freizeitangebote. Historische Hallen wurden umgebaut und teilweise unter Denkmalschutz gestellt. Der Wechsel der Nutzung ist hier besonders anschaulich: In früheren Produktionsräumen finden unter anderem Konzerte und Kulturveranstaltungen statt.
Düsseldorf und Meerbusch: Stahl und Waschmittel
Areal Böhler: große Hallen mit neuer Aufgabe
An der Stadtgrenze zwischen Düsseldorf und Meerbusch begann 1914 die Geschichte eines großen Stahlwerks. Über Jahrzehnte wurden dort hochwertige Stahlerzeugnisse hergestellt und verarbeitet. Als sich die Stahlindustrie wandelte, verlor der Standort seine ursprüngliche Funktion. Nach der Stilllegung begann 2012 die schrittweise Revitalisierung.
Heute dient das Areal Unternehmen, Messen, Sport, Gastronomie und Veranstaltungen. Stahlträger, Backsteinfassaden und große Hallen lassen die industrielle Vergangenheit erkennen. Beim Rundgang fällt vor allem der Maßstab der Gebäude auf – ein Hinweis darauf, wie anders sie ursprünglich genutzt wurden.
Schwanenhöfe: ein Markenmotiv im Quartiersnamen
1897 entstand an der Erkrather Straße in Düsseldorf-Flingern eine Produktionsstätte für Seifenpulver. Der Chemiker Ernst Sieglin entwickelte mit dem englischen Chemiker Richard Thompson ein neuartiges Waschmittel. Es wurde als Dr. Thompson’s Seifenpulver vermarktet; auf der roten Verpackung war ein weißer Schwan zu sehen.
2011 entstand auf dem historischen Gelände das Quartier Schwanenhöfe. Zehn Gebäude mit unterschiedlicher industrieller Vergangenheit verbinden heute historische Architektur mit Unternehmen, kreativen Arbeitsbereichen, Gastronomie und Veranstaltungsangeboten. Der Name hält die Erinnerung an das Waschmittel und sein Schwanenmotiv wach.
Bonn-Beuel und Ramersdorf: Zement, Brot und Jute
Die rechtsrheinischen Bonner Stadtteile Beuel und Ramersdorf waren nicht nur von Zement- und Lebensmittelproduktion geprägt. Auch Betriebe für Jute, Tapeten und Chemikalien gehörten zur industriellen Geschichte der Gegend.
Bonner Bogen: einzelne Spuren des Zementwerks
1858 nahm in Bonn-Ramersdorf eine Zementfabrik den Betrieb auf. Sie gehörte zu den frühen bedeutenden Herstellern von Portlandzement in Deutschland. Der Industrielle Hermann Bleibtreu trieb die Entwicklung des Standorts entscheidend voran. 1987 endete die Produktion. Die meisten Fabrikgebäude wurden abgerissen; erhalten blieben unter anderem die Rohmühle, ein Wasserturm und die ehemalige Fabrikantenvilla.
Seit Beginn der 2000er-Jahre entstand auf dem Gelände ein Quartier mit Büro- und Dienstleistungsstandorten. Die historische Rohmühle wurde saniert und durch moderne Architektur ergänzt. Heute befinden sich dort Büroflächen und Gastronomie. Der Bonner Bogen zeigt, wie einzelne frühere Industriegebäude eine neue Funktion erhalten können, obwohl sich das Umfeld grundlegend verändert hat.
Brotfabrik Beuel: von der Produktion zur Kultur
August Osberghaus gründete 1903 die Germania-Brotfabrik in Bonn-Beuel. In den 1970er-Jahren konnten dort bis zu 1.200 Brote pro Stunde hergestellt werden. 34 Lieferfahrzeuge versorgten täglich Hunderte Kunden. 1984 wurde die Produktion eingestellt.
Danach suchten Künstlerinnen und Künstler Räume für Theater, Film und kulturelle Veranstaltungen. 1986 begann der Spielbetrieb. Aus der Fabrik entwickelte sich ein Kulturzentrum mit Theater, Kino, Tanz und weiteren Angeboten. Die industrielle Nutzung endete, der Ort blieb als Treffpunkt bestehen.
Jutefabrik Beuel: vom Textilbetrieb zum Kulturort
An der Siegburger Straße in Beuel entwickelte sich im 19. Jahrhundert eine große Jutespinnerei und Weberei. Aus Jute wurden Säcke, Gewebe und Verpackungsmaterial für Handel, Landwirtschaft und Industrie hergestellt. Vor dem Ersten Weltkrieg waren zeitweise bis zu 1.500 Menschen im Betrieb beschäftigt.
Später stellte das Unternehmen auf andere Materialien um und produzierte unter anderem Kunstleder, Bodenbeläge und Kunststoffprodukte. 1980 endete der Betrieb. Die Stadt Bonn übernahm das Gelände und nutzte Teile der Gebäude für Theater- und Werkstattzwecke. Seit 2016 befindet sich dort auch das Pantheon-Theater.
Beim Entdecken auf Gebäude und Nutzung achten
Die sieben Orte erzählen keine einheitliche Erfolgsgeschichte. Manche Fabriken wurden weitgehend abgerissen, andere teilweise erhalten und umgenutzt. Ein genauer Blick auf Backstein, Stahlkonstruktionen und einzelne erhaltene Gebäude macht diesen Unterschied sichtbar. Ebenso aufschlussreich ist die Frage, was heute in den früheren Produktionsarealen stattfindet: Wohnen, Arbeiten, Gastronomie oder Kultur.
Hinter den Fassaden stehen auch die Erfahrungen der Beschäftigten. Schichtpläne strukturierten den Alltag ganzer Familien; die Arbeit war häufig körperlich anstrengend und mit Lärm, Staub oder gefährlichen Bedingungen verbunden. Rund um viele Betriebe entstanden Wohnviertel, Gaststätten, Geschäfte und Vereine. Wenn die Produktion endete, verloren Beschäftigte und ihre Familien oft einen wichtigen Teil ihrer Lebensgeschichte.
Die Beispiele aus Köln, Düsseldorf und Bonn bieten Monheimerinnen und Monheimern einen regionalen Zugang zur Industriegeschichte: Sie zeigen, wie der wirtschaftliche Wandel in unterschiedlichen Städten bauliche Spuren hinterlassen hat. Weitere Hintergründe zu den sieben Standorten bietet der Ausgangsartikel bei RHEIN BEWEGT.